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Anonyme Bewerbung: Weniger ist mehr

Anonyme Bewerbung: Weniger ist mehr
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anonyme Bewerbung, L'Oreal, Telekom, Post, Chancengleichheit, 40plus, Diskriminierung, Frauen, Migranten, ausländischer NameWeniger ist mehr: Geben Bewerber in ihren Unterlagen zu viel preis, verdirbt das ihren "Marktwert". Jedenfalls wenn sie weiblich und im gebärfähigen Alter sind, bereits ihren 40. Geburtstag gefeiert oder einen ausländisch klingenden Namen haben. Das Pilotprojekt "Anonyme Bewerbung" der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bestätigt das. Bewerbungen ohne Namen, Foto oder Geburtsdatum sorgen für  mehr Chancengleichheit. Dennoch winken große Firmen ab.




von Sonja Dietz

Aber der Reihe nach. Im November 2010 erklärten sich auf Initiative der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS)  fünf Konzerne und drei öffentliche Arbeitgeber bereit, ein Jahr lang anonymisierte Bewerbungen anzunehmen. Unter anderem mit im Boot der Kosmetikriese L’Oréal , Procter & Gamble, die Deutsche Telekom und die Deutsche Post.
 
Anonyme Bewerbung: Kein Alter, kein Name, kein Familienstand

Wer sich in diesem Zeitraum bei den beteiligten Unternehmen bewarb, gab weder Auskunft über Name, Alter, Geburtsort oder Familienstand. Auch das klassische Bewerbungsfoto entfiel. Ziel war es, die Chancengleichheit von Frauen, Migranten und älteren Arbeitnehmern zu verbessern und den Fokus weg von Äußerlichkeiten hin auf die Qualifikationen des Bewerbers zu lenken.
Für die beteiligten Unternehmen gab es grundsätzlich drei Varianten die Bewerbungen anonym zu erfassen:

  • anonymisierte Online-Bewerbungsbögen, die passgenau die Kompetenzen, Qualifikationen und Motivation erfassen, die für die Arbeitgeber wichtig sind
  • einheitliche, anonymisierte Bewerbungsformulare, die die Bewerber per Download, E-Mail oder Post erhielten
  • die nachträgliche Anonymisierung der herkömmlichen Bewerbungsunterlagen (durch Schwärzen oder Übertragen von Daten)

Anonyme Online-Bewerbungsbögen oder nachträgliche Anonymisierung

Kurz nach Abschluss des Pilotversuches zieht die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, eine außerordentlich positive Bilanz. Innerhalb der Jahresfrist wurden 246 Stellen besetzt. Mehr als 8.500 Bewerber hatten ihre Unterlagen anonymisiert eingereicht.

"Alle Bewerbenden hatten innerhalb des Verfahrens die gleiche Chance auf eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch – unabhängig davon, ob sie potentiell von Diskriminierung betroffen sind oder nicht", so Lüders. Im Vergleich mit klassischen Bewerbungsverfahren gebe es Anzeichen dafür, dass Frauen dem anonymisierten Modell besonders profitieren könnten.

Zielgruppen: Junge Frauen, Bewerber mit Migrationshintergrund Generation 40plus

Das gelte etwa für jüngere Frauen, die bereits Berufserfahrung haben und zum Beispiel wegen eines möglichen Kinderwunsches bislang schlechtere Chancen hatten. Ähnliches gelte für  Bewerber mit Migrationshintergrund: Hatten sie zuvor geringere Chancen auf eine Einladung, haben sich diese nach der Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren verbessert.

Zu diesem Schluss kommen jedenfalls das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und die Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt an der Europa- Universität Viadrina (KOWA) in Frankfurt (Oder), die den Pilotversuch wissenschaftlich ausgewertet haben.

Wirtschaft reagiert nüchtern

Deutlich nüchterner fällt dagegen die Einschätzung der beteiligten Großkonzerne aus. Die Telekom, Deutsche Post und L’Oreal wollen jedenfalls künftig nichts mehr von anonymisierten Bewerbungen wissen.

Die Deutsche Telekom erklärt gegenüber dem Magazin "Der Westen": "Es hat uns nicht geschadet, aber auch keinen zusätzlichen positiven Effekt gebracht."  Verhaltener Optimismus auch bei der Deutschen Post: "Die Teilnahme an der Studie hat uns bestätigt, dass unser bisheriges Verfahren bereits alle Aspekte der Chancengleichheit gewährleistet", so eine Sprecherin. Das anonymisierte Verfahren habe kein zusätzliches Bewerbungspotential erschlossen.

Stein ins Rollen gebracht?

"Die eingegangenen Bewerbungen und Vorstellungsgespräche haben gezeigt, dass unsere Personalverantwortlichen durch unsere seit Jahren durchgeführten Diversity-Seminare bereits sehr offen und sensibilisiert für das Thema sind", gibt Diversity Managerin Yvonne von de Finn für L’Oreal Deutschland Auskunft. Vier der an dem Pilotprojekt beteiligten Arbeitgeber wollen hingegen auch in Zukunft an dem Modell festhalten.

Für ADS-Chefin Christine Lüders ist das ein großer Erfolg: "Anonymisierung wirkt. Sie stellt Chancengleichheit her und macht Bewerbungsverfahren fairer." Ob das Modell in dieser Form Schule machen wird, ist jedoch fraglich. Doch zweifelsfrei hat Christine Lüders einen Stein ins Rollen gebracht. "Unternehmen und Personaler beginnen jetzt, ihren bisherigen, traditionellen Ansatz zu überdenken. Das ist ein gutes Signal für eine neue Bewerbungskultur in Deutschland. Unser Ziel war, einen Prozess anzustoßen und Impulse zu geben."

Mission erfüllt? Lesen Sie in Teil zwei, was die Experten von Monster zum Thema anonyme Bewerbung sagen.

(Foto: istockfoto)




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