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Mehr Frauen in Aufsichtsräte!

Mehr Frauen in Aufsichtsräte!

Um den Anteil von Frauen in Führungspositionen signifikant zu erhöhen, trat Mitte 2015 das "Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen" in Kraft. Das Gesetz ist ein voller Erfolg. Doch es sind noch einige Fragen offen. Zum Beispiel: Wie wirkt sich das Plus an Aufsichtsrätinnen auf die Wirtschaft aus? Welche Weichen müssen noch gestellt werden? Im Wortlautinterview stehen die beiden Personalberater Regine Domke und Wolfgang Gawlitta vom Projekt "Frauen in Aufsichtsräte – Mehr Zukunft unternehmen" Rede und Antwort.

Das Interview führte Sonja Dietz

Welche positiven Auswirkungen haben Frauen in Aufsichtsräten auf ein Unternehmen und warum?
Regine Domke:
Laut der Untersuchung „Women Matter“ von McKinsey Frankreich und einer Studie der amerikanischen Unternehmensberatung Catalyst ist eine durchgehende und übergreifend positive Wirkung des Frauenanteils in Spitzengremien von Unternehmen bereits seit Langem nachgewiesen. Ein Zuwachs von Frauen in Aufsichtsräten bedeutet in erster Linie einen positiven Einfluss auf die Reputation eines Unternehmens, was wiederum Auswirkungen auf den Gewinn nach sich ziehen kann.

Wie ist das zu erklären?
Regine Domke
: Der positive Effekt für Unternehmen mit hohem Frauenanteil in der Gesamtbelegschaft ist erstens Folge einer motivierenden Wirkung der besseren Vertretung von Frauen im Aufsichtsrat. Frauen in der Belegschaft fühlen sich durch ein stärker mit Frauen besetztes Spitzengremium besser repräsentiert und so enger an das Unternehmen gebunden. Zudem ist der Erfolg „gemischter“ Teams bereits vielfach nachgewiesen worden.

Und zweitens?
Regine Domke: Zweitens impliziert eine starke weibliche Vertretung im Aufsichtsrat gerade in Unternehmen mit hohem Frauenanteil in der Gesamtbelegschaft ein verbessertes Employer Branding: Besonders motivierte, leistungs- und aufstiegsorientierte Frauen empfinden diese Unternehmen als die richtigen Arbeitgeber. Dieser Aspekt wird sich mit der demografischen Entwicklung in Deutschland und den Implikationen für den Mangel an Fach- und Führungskräften in Zukunft noch verstärken. Generell verbessert sich dadurch die Reputation des Unternehmens.

Was hinderte Frauen bislang vor allem, sich stärker für Positionen in Aufsichtsräten zu bewerben?
Wolfgang Gawlitta:
Bisher erfolgte die Vergabe von Aufsichtsratsmandaten überwiegend an bekannte männliche Führungskräfte oder Unternehmer. Es gab de facto nur in Ausnahmefällen Bewerbungsverfahren. Die Ankündigung der Politik, Frauenkarrieren an den Unternehmensspitzen nach Jahren des Stillstands durch eine gesetzliche Quote auf die Sprünge zu helfen, hat aber bereits in den Monaten vor Inkrafttreten des Gesetzes für einige Bewegung gesorgt.

Was hinderte Unternehmen vorher daran, sich für weibliche Kandidatinnen stark zu machen?
Regine Domke:
Dem standen oftmals traditionelle Denkmuster der Entscheider im Wege. Auch fehlte der Zugang zu qualifizierten weiblichen Kandidatinnen. Und: Es mangelte an Vorbildern.

Was müssen Unternehmen zum Beispiel in punkto Familienfreundlichkeit bieten und wie ist das zu bewerkstelligen?
Wolfgang Gawlitta:
Wichtig sind Angebote, die auf eine Unterstützung der gesamten Familie ausgelegt sind und auch Familienväter integrieren. Der Effekt wäre eine längerfristig erhöhte soziale Akzeptanz eines neuen und veränderten Männerbildes. Das wäre eine optimale Ergänzung zu den bekannten familienfreundlichen Angeboten, die sich bisher weit überwiegend an Frauen richten.

Inwiefern können Frauen aus psychologischer Sicht stärker ermutigt werden, sich auf hochrangige Positionen zu bewerben und wie können Unternehmen sie dabei unterstützen oder sie gezielt entwickeln?
Regine Domke:
Bereits eine höhere Anzahl an Vorbildern würde in dieser Hinsicht viel Positives bewirken und Frauen in ihren Karriereplänen bestärken. Auch persönliche Mentoring-Programme oder die direkte Ansprache von Frauen seitens der Vorgesetzten, um einen möglichen Karriereweg aufzuzeigen, würden helfen und die Wege in eine weiblichere Unternehmenskultur bereiten.

Wie beurteilen Sie die gesetzliche Verpflichtung zu einem Plus an Frauen in Aufsichtsräten? Wäre es auch ohne die Quote gegangen?
Wolfgang Gawlitta:
Das Gesetz ist mehr als berechtigt – hat doch die Vergangenheit gezeigt, dass die Unternehmen einen verbindlichen Rahmen für diesen Veränderungsprozess zu benötigen scheinen. Es gibt den notwendigen Impuls - vom Aufsichtsrat bis in alle Führungsebenen. Der Erfolg ist bereits messbar und gute Chancen sind erkennbar. Alle Unternehmen, die unter die Regelung der festen Quote fallen und 2016 neue Aufsichtsratsposten zu besetzen hatten, haben sich an die feste Quote gehalten. Sofern nicht schon ein Frauenanteil von 30 Prozent erreicht war, wurden frei werdende Aufsichtsratsposten durchgehend mit einer Frau nachbesetzt.

Sie wollen sich stark dafür machen, dass es so weitergeht und haben die Initiative „FRAUEN IN AUFSICHTSRÄTE“ gegründet. Beschreiben Sie kurz die Hintergründe?
Regine Domke:
Der Frauenanteil in Aufsichtsräten von Dax-Konzernen ist dank des Quotengesetzes deutlich gestiegen. Doch diese Quote darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer noch zu wenig Frauen dort sind, wo die wichtigsten Entscheidungen fallen. Wir sagen daher „Mehr Zukunft unternehmen“ und jetzt die Weichen für eine erfolgreiche Entwicklung stellen.

Wolfgang Gawlitta: Richtig! Das Gesetz ist nur die Speerspitze für alle Bereiche der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand. Unsere Initiative sieht hier großen Handlungsbedarf für mittelständische Unternehmen und betritt mit dem Projekt Neuland. Dabei handelt es sich um eine in Deutschland einzigartige Initiative von Beratungsunternehmen, der Wissenschaft, der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg und von dem Karriereportal Monster.

Mit dem Ziel?
Regine Domke:
Die Initiative verbindet vier Bereiche: Wissen, Information, Beratung und Vermittlung aus einer Hand und individuell auf das Unternehmen zugeschnitten. Wir wollen bei der Suche und Auswahl von Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräten unterstützen. Qualifizierte Kandidatinnen und Unternehmen müssen auf effizientem Weg zusammengeführt werden. Ferner sind die Rechtsberatung zu Pflichten, Rechten und Haftung von Aufsichtsräten, Effizienzprüfungen der Aufsichtsräte, Vergütung der Aufsichtsräte sowie Finanzierungs- und Controlling-Beratung Bestandteile der Initiative. Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch Dr. Stefan Hirsch, Wissenschaftler an der ETH Zürichsoll die Auswirkungen weiblicher Aufsichtsräte auf den Gewinn untersuchen.

Wolfgang Gawlitta: Ich kann mich in diesem Punkt nur IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Hubertus Hille anschließen, der sagt: „Dieses Kompetenzteam kann aus Bonn/Rhein-Sieg als Leuchtturmprojekt für Deutschland ausstrahlen. Wir brauchen mehr Frauen in deutschen Unternehmen – von Spezialisten und Fachkräften bis zu Führungskräften und Aufsichtsrätinnen. Voraussetzung hierfür ist allerdings die sinnvolle Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.“ Dieses Ziel werden wir vehement verfolgen. 

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