Social Media Recruiting
Das Web 2.0 entwickelt sich zum Stellenmarkt der Zukunft. Wurde früher in der Kneipe beim Bier über den Job diskutiert, so tauscht man sich heute digital aus, mit Freunden und Unternehmen. Doch bislang sind Social Media eher Lockvögel im Recruiting – aus Sicherheitsgründen.
Im April 2011 hat Continental eine eigene Facebook-Karrierefanpage eingerichtet, "um auf Augenhöhe mit der Generation Social Media in Kontakt zu treten. Wir wollten dort sein, wo sich unsere künftigen Mitarbeiter tummeln", sagt Daniel Rehberg, Teamleiter e-Recruiting bei Continental in Hannover. Der Automobilzulieferer und Reifenhersteller wird bis zum Jahresende 2011 weltweit rund 5.500 Absolventen eingestellt haben. "Soziale Netzwerke unterstützten uns im Personalmarketing und beim Employer Branding."
Facebook für den Erstkontakt nutzen
Auf dieser Facebook-Seite hat Continental eine App installiert, die alle offenen Stellen auflistet, zudem Praktikanten- und Traineeplätze. Davon werden regelmäßig vier oder fünf Stellen direkt bei Facebook veröffentlicht. "Dadurch haben wir sogar schon jemanden eingestellt."
Doch das soll die Ausnahme bleiben, denn für Continental stellen die Anzeigen wie auch die App Anreize dar, um Interessenten auf die eigene Karriereseite zu locken. Dort gibt es viel mehr an Informationen über das Unternehmen, seine Produkte und Dienstleistungen sowie zur offenen Stelle. Dort soll auch die Kommunikation sicher und nicht öffentlich zwischen Unternehmen und Bewerber ablaufen. "Das wollen Bewerber genau so haben, weil Facebook in Deutschland als privates Netzwerk gilt und viele Wert legen auf eine strikte Trennung zwischen Job und Freizeit."
In Amerika vermische sich beides, Continental ist dort nicht aktiv auf Facebook, beobachtet den Markt jedoch genau. Denn vieles was in Amerika seinen Anfang nimmt, schwappt irgendwann über den großen Teich nach Europa.
Problem: Datenschutz
Nicht nur für Continental ist der Datenschutz das Hauptproblem von sozialen Netzwerken. Auch andere Unternehmen haben damit ihre Probleme. Doch eine gesetzliche Regelung zum Schutz personenbezogener Daten auf Social Media wird es wohl nicht geben. Vielmehr sollen die Anbieter von sozialen Netzwerken den Datenschutz im Wege der Selbstregulierung kodifizieren, so Ministerialdirektor Hans-Heinrich von Knobloch aus dem Bundesinnenministerium.
Bestandteile des Datenschutzkodex sollen die Transparenz von Datenschutzeinstellungen sowie die leichte Wahrnehmung von Datenschutzrechten sein. Wie die Gesellschaft für Datenschutz und Datensicherheit weiter mitteilt, wird der Facebook-Kodex zur Cebit 2012 erwartet.
Social Media ersetzen das Feierabendbier mit Kollegen
Trotz geplanter Selbstregulierung ist Rehberg überzeugt: "Die Kommunikation mittels Social Media gewinnt immer mehr an Bedeutung und wird sich durchsetzen." Das würden andere Länder, nicht nur Amerika, zeigen, in denen soziale Netzwerke eine deutlich höhere Verbreitung haben als in Deutschland: Indien und China zum Beispiel. "So wie man früher in der Kneipe beim Bier über den Job gesprochen hat, so findet das heute von PC zu PC auf Social Media statt."
Facebook ist der zentrale Anlaufpunkt im Internet
Drei von vier deutschen Internetnutzern ab 14 Jahren sind in sozialen Netzwerken und dort verbringen sie viel Zeit. Allen voran bei Facebook. Zu dieser Erkenntnis kommt eine repräsentative Erhebung im Auftrag des Computerverbands Bitkom. Danach hat sich Facebook zum zentralen Anlaufpunkt im Web entwickelt. Internetnutzer in Deutschland verbrachten im September 2011 etwa 16 Prozent ihrer Online-Zeit dort. Vor einem Jahr sind es vier Prozent gewesen. Solchen Wachstumsraten belegen die Prognose von Rehberg.
Social Media Recruiting liegt im Trend
Eine andere repräsentative Umfrage, ebenfalls vom Bitkom, zeigt, dass der Trend tatsächlich in Richtung Social Media Recruiting geht. Danach veröffentlichen zurzeit 29 Prozent aller Unternehmen offene Stellen in Online-Communities wie Facebook, StudiVZ oder Xing. 2010 sind es erst zwölf Prozent gewesen. "Das Web 2.0 ist der Stellenmarkt der Zukunft", so Bitkom Präsident Professor August-Wilhelm Scheer. Die Umfrage zeige, dass sich soziale Netzwerke bei der Personalsuche neben Online-Stellenanzeigen in Internet-Jobbörsen und der eigenen Homepage als drittes Online-Medium etablieren. Die Personalabteilungen sind in den sozialen Online-Netzwerken meist mit eigenen Profilen zu Karrierethemen präsent.
Soziale Netzwerke dienen dem direkten Dialog
Daimler nutzt Social Media zu ähnlichen Zwecken wie Continental. "Wir wollen über unsere Facebook-Seite mit potentiellen Mitarbeitern ins Gespräch kommen", sagt Peter Berg, Leiter Global Talent Acquisition & Development. Bei Interesse zu den Einstiegsmöglichkeiten im Konzern verweist Daimler ebenfalls auf die firmeneigene Karriere-Website. Dort beginne dann das Recruiting.
Bayer ist im Mai 2010 gestartet und hat inzwischen rund 7000 Freunde auf facebook.com/BayerKarriere. Dort wird regelmäßig auf Veranstaltungen hingewiesen, Wissenswertes zu Berufseinstieg und Bewerbung veröffentlicht und Besucher der Seite können sich über offene Stellen informieren. Auch auf Twitter und YouTube gibt es Karriereinformationen über Bayer. "Unser Engagement in Social Media stellt die Anpassung an das geänderte Medienverhalten der Zielgruppe dar", so Dr. Dirk Pfenning, zuständig für das Recruiting von Bayer in Deutschland. Social Media ermögliche ein direktes und schnelles Feedback und liefere die Meinung von zahlreichen virtuellen Ratgebern.
Social Media ist für Bayer ein weiterer Mosaikstein des Employer Branding, daher wird der Erfolg dieses Mediums nicht an der Zahl der Einstellungen festgemacht. "Es ist absolut sinnvoll, sich dorthin zu begeben, wo sich Menschen aufhalten, die wir mit unseren Botschaften erreichen wollen. Natürlich muss man sich in diesen Medien direkter und konsequenter fragen und Kritik stellen." Doch besser stelle man sich Kritik, als dass man ihr freien Lauf lasse, das raten Kommunikationsprofis unisono.
(Peter Ilg, Januar 2012 / Bild: AA+W)

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