Form to
Dass es mit der Wirtschaft wieder aufwärts geht, erkennt man an der Zeitarbeit. Sie gilt als Konjunkturindikator. Erhöht sich der Auftragseingang und stoßen Unternehmen wieder neue Projekte an, wird zunächst nach temporär Beschäftigten gerufen. Vielen winkt die Übernahme in ein reguläres Angestelltenverhältnis.
Als flexible Beschäftigungsreserve wird die Zeitarbeit auch von Peter Meussen gelobt. Der Personalleiter des Finanzdienstleisters Easycash in Ratingen gleicht mit Leiharbeitnehmern Nachfragespitzen aus und kompensiert mit ihnen den ein oder anderen krankheitsbedingten Personalausfall. "In erster Linie decken wir mit der Zeitarbeit jedoch unseren hohen Rekrutierungsbedarf", sagt Meussen. Selbst im Krisenjahr 2009 blieb die Quote der Leiharbeiter konstant.
Leiharbeit hat Hochkonjunktur
Die negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise schlugen für die Zeitarbeitsbranche nur kurzfristig zu Buche. Inzwischen läuft die Konjunktur der Leiharbeit wieder auf Hochtouren. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Marktforschers Lünendonk aus Kaufbeuren. Die nach Umsatz führenden Firmen der Branche erwarten für das laufende Jahr ein Wachstum von gut 18 Prozent.
Gesucht sind gewerbliche, kaufmännische und zunehmend auch akademisch ausgebildete Kräfte. Während Easycash in der Zeitarbeit vor allem auf kaufmännische Mitarbeiter setzt, kommen bei Thermo Fischer Scientific in Erlangen in erster Linie gewerbliche Leiharbeiter zum Zuge. Laut Personalleiter Rainer Bach sind sie eingebunden in die Montage von hochwertigen Geräten und Anlagen sowie bei deren Endprüfung.
Einstellungskriterium: Einschlägige Berufserfahrung
Das Anforderungsprofil der auf Messtechnik spezialisierten Firma ist nicht ohne: Meist verfügen die Zeitarbeitkräfte über einschlägige Berufserfahrung und können eine abgeschlossene Ausbildung im Bereich der Elektronik und Mechanik vorweisen.
Beim Finanzdienstleister Easycash, der ein dichtes Netz aus Geldausgabeautomaten betreut, unterstützen kaufmännische Zeitarbeiter den First und Second Level Support. Dort rufen Händler wegen Abrechnungsfragen an oder auch, um technische Probleme mit ihren Terminals zu klären.
Zeitarbeiter - alles andere als Handlanger
Meussen verlangt von seinen Zeitarbeitern, dass sie neben einer kaufmännischen Ausbildung auch Verständnis für komplexe Vorgänge und technische Affinität unter Beweis stellen. "Sie müssen auch unter Stress souverän mit Kunden umgehen können."
Hier agieren souveräne Kundenbetreuer, dort technische Experten, die alles andere als Handlanger sind, wie Zeitarbeiter über viele Jahre despektierlich angesehen wurden. Keine Frage, die Zeitarbeit verändert ihr Gesicht. Zum Beispiel durch auf breiter Ebene gestiegene Qualifikationen. Zwar wird die Zeitarbeit nach wie vor dominiert vom gewerblichen Bereich, wo Kundenfirmen Kräfte für einfache Tätigkeiten suchen. Auf der anderen Seite zieht die Nachfrage nach Zeitarbeitern mit höheren Qualifikationen an. Immer mehr Akademiker stehen auf der Wunschliste der Personaler.
Expertenwissen ist gefragt
Ein florierendes Segment der Zeitarbeitsbranche ist die Informationstechnologie (IT), die für junge Fachkräfte immer mehr zum Sprungbrett in den Arbeitsmarkt zu werden scheint. Einer vom Branchenprimus DIS erstellten Statistik zufolge würden vor allem mittelständische Firmen IT-Kräfte als Zeitarbeiter anheuern. Softwareentwickler, Datenbankexperten und SAP-Spezialisten sind dabei besonders gefragt.
Die Zeitarbeitsfirmen profitieren von immer mehr Menschen, die sich auch als IT-Experten nicht unbedingt an ein Unternehmen binden und zunächst in den ersten Berufsjahren nach dem Studium wichtige Erfahrungen sammeln wollen.
Finanzbranche ist auf den Geschmack gekommen
Ebenso stark wächst die Nachfrage nach Zeitarbeitern im Finanzsektor. Hatte man früher noch die Putzkolonne vor Augen, die abends Schreibtische abstaubt, bestimmen heute solide ausgebildete Banker das Bild. "Wer heute die Schalterhalle einer Bank betritt", sagt Michael Vorderstraße von Amadeus Fire, "muss damit rechnen, dass der Kreditsachbearbeiter oder Fondsbuchhalter nicht auf der Gehaltsliste der Bank, sondern einer Zeitarbeitsfirma steht."
Bei Amadeus Fire, unter den Personalleasingfirmen die Nummer eins im Bankengeschäft, sind die meisten Mitarbeiter als Fach- und Führungskräfte im Finanzumfeld tätig.
Weiterbildung ist ein Muss
Wegen der hohen Nachfrage müssen die Zeitarbeitsfirmen in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investieren, um deren Vermittlungschancen zu erhöhen. Wer sechs Wochen bei Amadeus Fire gearbeitet hat, erhält hohe Zuschüsse zu Trainingskosten. Oft handelt es sich um "Aufstiegsweiterbildung", wenn sich etwa der Bankkaufmann als internationaler Bilanzbuchhalter ins Gespräch bringen will. Manpower startete bereits 2007 die Initiative Q (Qualifizierung) und hat ein Netzwerk mit Weiterbildungsträgern etabliert.
Und an der Randstad-Akademie können sich Führungskräfte ins Rechnungswesen sowie in einzelne SAP-Module einarbeiten oder spezielle Trainings für den Jahresabschluss oder das Controlling absolvieren.
Zeitarbeitsbranche kämpft um ihr Image
Doch bei aller Mühe um bessere Vermittlungsergebnisse und löblichen Kompetenzzuwachs wird die Branche ihr Imageproblem einfach nicht los. Hier unterbieten Firmen Mindestlöhne, dort springen Anbieter mit ihren Mitarbeitern um, als wären es Leibeigene. Bei Thermo Fischer kann davon keine Rede sein. "Unfaire Angebote über niedrige Stundensätze lehnen wir ab", sagt Bach. Vielmehr verfolge man den Grundsatz des Equal Payments. "Wir wollen Zeitarbeiter und Stammbelegschaft nahezu gleich entlohnen."
Auch das Verhältnis zwischen Stammbelegschaft und temporär Beschäftigten könnte bisweilen besser sein. Gewerkschaften, denen die Zeitarbeit ein Dorn im Auge ist, beklagen häufig, dass die einen gegen die anderen ausgespielt würden. Diesem Vorwurf tritt Easycash-Personalchef Meussen vehement entgegen. "Wir integrieren Zeitarbeitskräfte von Beginn an in unser Unternehmen, da wir ohnehin die Übernahme als gemeinsames Ziel vor Augen haben."
Übergang in die Festanstellung
Auch bei Thermo Fischer sind zahlreiche Mitarbeiter ehemalige Zeitarbeiter. "Wenn die Qualifikation stimmt, werden Zeitarbeiter in zunächst befristete oder gleich in unbefristete Arbeitsverhältnisse übernommen", sagt Personalleiter Bach. Tritt dieser "Klebeeffekt" ein, spricht dies auch für die Qualität des Zeitarbeitspartners.
(Winfried Gertz, Juni 2010 / Bild: Spuno, Fotolia.com)