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Väter in Elternzeit

Väter in Elternzeit
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In so manchem Unternehmen stößt die Inanspruchnahme von Elternzeit durch Väter auf Bedenken. Andere Unternehmen fördern hingegen diese Möglichkeit, von der zunehmend auch Führungskräfte Gebrauch machen. Der Spagat zwischen Führungs- und Vaterrolle - kein Ding der Unmöglichkeit. Ein Erfahrungsbericht.

 


"Der Anteil von Vätern in Elternzeit ist unter Führungskräften besonders hoch", sagt Nora Reich, Ökonomin am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI). Reich entkräftet damit die verbreitete Vorstellung, dass sich besonders Führungskräfte schwer damit tun, Beruf und Familie zu vereinbaren. Die Mitarbeiterin des HWWI hat in einer Studie festgestellt, dass sich die Chance der Inanspruchnahme von Elternzeit durch erwerbstätige Väter deutlich erhöht, wenn diese in einer Führungsposition, unbefristet beschäftigt oder in einem großen Unternehmen tätig sind.

Erwerbsstatus und Einkommen der Partnerin

Eine noch wichtigere Rolle spielen allerdings Erwerbsstatus und Einkommen der Partnerin. Je besser diese auf dem Arbeitsmarkt Fuß gefasst hat und verdient, umso eher nimmt der Partner Elternzeit. "Das sind Entscheidungen, die in der Familie getroffen werden", sagt dazu Barbara David, Diversity Managerin bei der Commerzbank AG in Frankfurt am Main. Ein Unternehmen könne die Inanspruchnahme von Elternzeit durch männliche Mitarbeiter fördern, letztendlich spielten aber die Umfeldbedingungen eine Rolle. Die Familien müssten sich die Elternzeit der Väter "leisten können".

Von jenen Mitarbeitern der Commerzbank, die in 2009 Elternzeit genommen haben, waren etwa zehn Prozent Männer. Ein "guter" Wert sei das, besonders im Vergleich mit den früheren, meint David. "Wir haben mit einem halben Prozent angefangen. Wichtig ist, dass sich etwas tut." Bei der Commerzbank wird das Thema Väter in Elternzeit groß geschrieben. "Wir wollen unseren Mitarbeitern ermöglichen, ein Leben nach ihren persönlichen Vorstellungen führen zu können", sagt David. Das fördere die Gesundheit, die Motivation und das Leistungsvermögen der Mitarbeiter und mache zudem das Unternehmen als Arbeitgeber attraktiv.
Individuelle Arbeitszeitgestaltung

"Es gibt kein Teilzeitmodell, das wir nicht nutzen", sagt David zu den Möglichkeiten der individuellen Arbeitszeitgestaltung. Bei der Inanspruchnahme von Elternzeit durch die Väter verhalten sich die Mitarbeiter der Commerzbank allerdings sehr klassisch. Die überwiegende Mehrzahl geht bis zu zwei Monate in Elternzeit. Nach der Elterngeld-Statistik des Statistischen Bundesamtes nehmen insgesamt rund 70 Prozent der Väter ihre Elternzeit für diesen Zeitraum.

Es gibt aber auch Unternehmen, in denen die Gruppe der männlichen Mitarbeiter, die sogar länger als ein Jahr in Elternzeit gehen, inzwischen fast so groß ist wie die Gruppe derjenigen, die bis zu zwei Monate in Anspruch nehmen. Dabei werden häufig Elternzeit, Teilzeit und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, gezielt miteinander kombiniert.

Nicht mit dem Kopf durch die Wand

Um das realisieren zu können, überlegen Mitarbeiter, Führungskraft und Kollegen gemeinsam im Vorfeld, wie die Elternzeit arbeitsorganisatorisch am sinnvollsten gestaltet werden kann. Rechtliche Ansprüche auf Biegen und Brechen durchzusetzen, ist dagegen nicht unbedingt von Erfolg gekrönt, berichten die Unternehmen.

Bei der Commerzbank können sich die Väter auf dem Diversity-Portal über ihre rechtlichen Möglichkeiten der Elternzeit informieren und die dafür notwendigen Anträge und Formulare downloaden. Und im Netzwerk "Fokus Väter" der Commerzbank können sie sich mit ihren Kollegen über ihre Erfahrungen austauschen. Die Bank bietet zudem spezielle Veranstaltungen nur für Väter an. So erst kürzlich zu der fast jeden Vater brennend interessierenden Frage, warum eigentlich Männer ihre Kinder anders erziehen als Frauen.

Workshop zum Thema "Väter"

Für das nächste Jahr ist ein Workshop auch für die Führungskräfte zum Thema "Väter" geplant. "Die Möglichkeit als Vater in Elternzeit gehen zu können, soll im Unternehmen auf breiter Front akzeptiert und unterstützt werden", sagt David. Nicht immer sei eine Führungskraft begeistert, wenn ein männlicher Mitarbeiter in Elternzeit gehen wolle, berichtet die Diversity-Managerin.
 
Wie der Spagat zwischen Führungs- und Vaterrolle gelingen kann, lebt Alfred Lukasczyk, Head of Employer Branding bei der Evonik Industries AG in Essen, vor. "Die Familie darf nicht auf der Strecke bleiben", sagt Lukasczyk. Im Frühjahr war Lukasczyk zwei Monate in Elternzeit. Jetzt bringt er an drei Tagen in der Woche seine zweijährige Tochter in die Kindertagesstätte von Evonik und arbeitet an einem Tag in der Woche in ihrer Anwesenheit im Home-Office.

Courage des Einzelnen

Für Lukasczyk liegt es in der Regel nicht an den Unternehmen, sondern an der Courage des Einzelnen, wenn Führungskräfte nicht die Möglichkeit nutzten, in Elternzeit gehen zu können. "Auch ich habe mich zunächst gefragt, ob es Gründe gibt, die dagegen sprechen", meint Lukasczyk.

Um die zweimonatige Elternzeit aber dann doch zu ermöglichen, hat der Personalmarketingleiter gemeinsam mit seinem Vorgesetzten wichtige Arbeitsprojekt so gestaltet, dass während seiner Abwesenheit nichts "Dramatisches" passieren kann.

Gute Vorbereitung ist das A und O

Strategische Aufgaben wurden von Kollegen in der Abteilung übernommen und andere von operativen Einheiten. Im Prinzip seien Führungskräfte ersetzbar, meint Lukasczyk. In laufenden Projekten sei der Einzelne allerdings bedingt durch die Vernetzung untereinander und die hohen kommunikativen Anforderungen zuweilen unentbehrlich. Wenn Führungskräfte in Elternzeit gehen wollten, müsse diese daher arbeitsorganisatorisch gut vorbereitet werden.

"Das geht nicht parallel", berichtet Lukasczyk zu seinen Erfahrungen in der Elternzeit. Anfangs habe er noch versucht, tagsüber eine Telefonkonferenz mit Kollegen in Shanghai zu bewerkstelligen. Die Sitzung habe er dann aber in Anwesenheit seiner Tochter fünfmal unterbrechen müssen. "Man muss den Worten Taten folgen lassen", sagt Lukasczyk. Wenn Väter in Elternzeit gingen, müssten sie sich auch darauf konzentrieren. So habe er beispielsweise seine Netzwerkaktivitäten deutlich reduziert. Und noch einen Tipp hat Lukasczyk parat. "Ich empfehle Vätern, allein in Elternzeit zu gehen." Nur so könnten sie sich in der Partnerschaft gleichberechtigt in die Kindererziehung einbringen.

(Rainer Spies, November 2010 / Bild: Melissa Schalke, Fotolia.com)