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Die Deutschen werden mit der zunehmenden Vergreisung der Gesellschaft bald länger arbeiten müssen. Mit der Altersteilzeit können Unternehmen einen Kompromiss eingehen. Mit welchen Instrumenten eine längere Lebensarbeitszeit flankiert werden kann, ist strittig und wird zukünftig verstärkt an Bedeutung gewinnen.

 

Das Altersteilzeitgesetz gilt nicht für jeden

Sie ähnelt dem Zeitwertkonto: Die Altersteilzeit wurde von zahlreichen Unternehmen in den letzten 15 Jahren genutzt, um den älteren Mitarbeitern einen schrittweisen Übergang in die Rente zu ermöglichen. Seit dem Ende der Förderung durch die Bundesagentur im Juni 2011 müssen Sozialpartner und Betriebsparteien in die Bresche springen, um Altersteilzeit weiterhin zu ermöglichen und ihr neue Impulse zu verleihen. Zwar sind im Altersteilzeitgesetz (AltTZG) bestimmte Rahmenbedingungen festgeschrieben. Dazu zählen etwa der Personenkreis oder die Aufstockung von Gehalt und Rentenversicherungsbeiträgen der in Altersteilzeit Beschäftigten. Ein gesetzlicher Anspruch auf Altersteilzeit besteht aber nicht. Voraussetzungen dafür sind vielmehr ein Tarifvertrag, eine Betriebsvereinbarung oder, was selten vorkommt, ein arbeitsvertraglicher Anspruch.

Luxus oder Notwendigkeit?

"Die Altersteilzeit hat den Trend zur Verlängerung des Erwerbslebens unterstützt", erklärt Dr. Martin Brussig, Forscher am Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen. 2011 ist die durch die Bundesagentur für Arbeit (BA) geförderte Altersteilzeit allerdings ausgelaufen. Unumstritten war sie nie. Zu teuer sei das Instrument gewesen und es habe "unechte" Altersteilzeit in Gestalt des Blockmodells sowie gut qualifizierte Arbeitnehmer begünstigt.

Verlust von Know-How begrenzen

"Altersteilzeit ist ein Mittel, um den Verlust von Know-How zu begrenzen und ältere Mitarbeiter das eine oder andere Jahr länger an uns zu binden", drückt Alexander Zumkeller, Leiter Arbeitsrecht, Tarif- und Sozialpolitik der ABB AG (Mannheim), das neue Denken im Lager der Arbeitgeber aus. ABB unternehme alles, damit die Altersteilzeit anders als in der Vergangenheit (Blockmodell) einen "echten" Übergang in die Rente ermögliche. ABB bietet daher neben der Möglichkeit, die Altersteilzeit geblockt zu nutzen, inzwischen verschiedene andere Varianten an.

Schrittweiser Übergang in die Rente

So kann die Arbeitszeit für den gesamten Zeitraum der Altersteilzeit (maximal sechs Jahre) um 50 Prozent oder aber degressiv reduziert werden. Im Rahmen des degressiven Ansatzes könnte ein Mitarbeiter beispielsweise in den ersten beiden Jahren 75 Prozent seiner bisherigen Arbeitszeit arbeiten, die folgenden zwei Jahre 50 Prozent und in den beiden letzten Jahren 25 Prozent. Wie in vielen anderen Unternehmen auch, haben die ABB-Beschäftigten bisher die Altersteilzeit vor allem verblockt genutzt. Jetzt würden auch die degressiven Modelle nachgefragt, berichtet Zumkeller. Diese seien "gut für beide Seiten". Der Mitarbeiter könne in den Ruhestand "übergleiten" und ABB den Know-How-Transfer besser organisieren. 

Wer kann Altersteilzeit erhalten?

Grundlage für die Altersteilzeit bei ABB ist eine Konzernbetriebsvereinbarung, die zum Teil über das hinausgeht, was in entsprechenden Tarifverträgen vereinbart wurde. Nach dem "Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente" in der Metall- und Elektroindustrie (M+E-Industrie) haben, sofern keine Betriebsvereinbarung vorliegt, maximal bis zu vier Prozent der Beschäftigten eines Betriebes Anspruch auf einen Altersteilzeitvertrag. In der chemischen Industrie beträgt die Überforderungsgrenze fünf Prozent. Freiwillig kann ein Betrieb aber mehr Altersteilzeitarbeitsplätze anbieten. "Wir werden alle Anfragen wohlwollend prüfen. Ein striktes Nein nur wegen einer Quote wird es nicht mehr geben", sagt Zumkeller zur Haltung von ABB. Einen Rechtsanspruch auf einen Altersteilzeitvertrag bis zu einer Quote von 2,5 Prozent haben bei ABB allerdings nur Beschäftigte, die besonders ungünstigen Arbeitsbedingungen wie Schichtarbeit oder sonstigen hohen Belastungen ausgesetzt sind.

Schichtarbeiter bevorzugt

Dass besonders belastete Arbeitnehmer in Tarifverträgen nunmehr einen besseren Zugang zur Altersteilzeit erhalten, konstatiert Martin Brussig vom IAQ als eine ausgesprochen positive Entwicklung. Auch, dass die Sozialpartner trotz aller Drohungen, die im Vorfeld des Auslaufens der BA-Förderung ausgesprochen wurden, das Thema weiterhin regeln. Es gab aus der Sicht der Arbeitnehmer inzwischen aber auch erhebliche Abstriche. So wurde beispielsweise in der chemischen Industrie der Rechtsanspruch auf einen Altersteilzeitvertrag kassiert. Zudem wurde in vielen Tarifverträgen das Mindestalter für die Nutzung der Altersteilzeit erhöht. 

Lebensarbeitszeitkonten als Alternative

Einen anderen Ansatz als Altersteilzeit verfolgt die Beiersdorf AG in Hamburg. "Wir möchten, dass unsere Mitarbeiter ihre Lebensarbeitszeit selbst bestimmen können", sagt Carola Schwenn, Personalreferentin bei Beiersdorf. Auf der Basis eines speziell dafür eingerichteten Langzeitkontos kann ein Mitarbeiter entscheiden, wann er vor Beginn der regulären oder vorgezogenen Rente in eine Freistellungsphase eintreten möchte. Anders als bei Altersteilzeit seien die Berücksichtigung einer Quote (Überforderungsgrenze) und die Zustimmung des Arbeitgebers dabei nicht notwendig, betont Schwenn den Vorteil. 

Kritische Stimmen

Kritiker bemängeln, die Ansparmöglichkeiten wie Entgeltbestandteile, Zeitguthaben und Urlaubsansprüche eines "normalen" Beschäftigten auf einem Langzeitkonto seien zu gering, um mit seinem Guthaben eine längere Phase der Freistellung finanzieren zu können. Diese Argumente entkräftet Schwenn: "Berechnungen von Beiersdorf haben ergeben, dass sich auch Ansparungen für bereits fünfzigjährige Mitarbeitern noch lohnen, um sich vor Beginn der Rente freistellen zu lassen".

Dazu tragen auch Zuzahlungen von Beiersdorf während der Freistellungsphase bei (tarifliche, außer- und übertarifliche Zulagen und Einmalleistungen). Außerdem erwirbt ein Mitarbeiter während der Freistellung Urlaubsansprüche. "Für ein Jahr Freistellung müssen lediglich 46 Wochen aus dem Wertguthaben finanziert werden", sagt Schwenn. Bleibt die Kritik, dass mit dem Langzeitkonto keine gleitenden Übergänge in die Rente finanziert werden können. "Neuerungen werden wir uns nicht verschließen", sagt Schwenn. Die ersten hat es bereits gegeben. Bei Beiersdorf kann neuerdings aus dem Lebensarbeitszeitkonto heraus auch eine Pflegezeit finanziert werden. 

Gefahr der Überarbeitung

"Langzeitkonten bieten Flexibilitätsvorteile, aber für den Altersübergang ist Altersteilzeit für Arbeitnehmer attraktiver", meint Brussig zu den Alternativen. Eine Rolle spielten dabei vor allem die bei Altersteilzeit zusätzlich entrichteten Rentenbeiträge. Daneben seien die Guthaben, die auf Langzeitkonten angespart werden könnten, unter Umständen viel zu niedrig. Und der Glaube, man könne mit 35 Jahren Überstunden für das Langzeitkonto machen, um mit 60 nicht mehr arbeiten zu müssen, habe möglicherweise fatale Folgen. "Wer das plant, wird vielleicht schon lange vorher verschlissen sein", sagt Brussig. Es bleibt ein Wermutstropfen. Allein in der Chemiebranche waren nach Angaben der IG BCE bereits 2009 die in den Tarifverträgen vereinbarten Überforderungsgrenzen erreicht worden.

(Rainer Spies, Juli 2011 / Bild: Herbert (Herby) Me)

 

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