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Arbeiten in der Zukunft: Der Blick in die Glaskugel

Arbeiten in der Zukunft: Der Blick in die Glaskugel

Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus? Mit diesem Thema setzen sich aktuell diverse Studien, Experten aus der Wirtschaft und die Belletristik auseinander. Wir haben ver- und abgeglichen und – wo möglich - den Realitätscheck gemacht. Schnallen Sie sich an. Der Trip in die Zukunft startet JETZT.

 



Von Sonja Dietz


Mae Holland hat beim Internetkonzern „The Circle“ angeheuert und ist begeistert:  Sport-, Unterhaltungs- und Informationsangebote, eine Kita auf dem Firmengelände und Zimmer mit exklusiver Ausstattung, die bereit stehen, wenn es mal wieder länger dauert. Nicht im Büro. Eher bei einem der vielen Events, bei denen Gemeinschaftserlebnisse die Mitarbeiter noch enger zusammenschweißen. Dann wären da noch die lichtdurchfluteten Büros, die gläserne Zentrale inmitten grüner Hügel und das kostenlose Essen,  zubereitet von – wie könnte es anders sein - Sterneköchen.

Utopische Vorstellungen von der Arbeitswelt der Zukunft?

In seinem Roman „The Circle“ gibt Autor Dave Eggers Einblicke in die Arbeitswelt der Zukunft. Literaturkritiker zählen das Buch aktuell im gleichen Atemzug mit der Utopie „1984“ aus der Feder von George Orwell auf. Zwar gibt es hier keinen großen bösen Bruder, aber auch Eggers Roman beschreibt realiter statt einer Traum- eine Alptraumwelt. Das Unternehmen macht seine Mitarbeiter sektengleich in kürzester Zeit von sich abhängig.  All die luxuriösen Incentives - nichts anderes als eine moderne Form der Gehirnwäsche.

Ist das Web 2.0 der Big Brother der Zukunft?

Der Bezug zur Welt außerhalb des Circles schwindet. Im Grunde ist es nicht einmal nötig, das Firmengelände zu verlassen. Selbst Einkäufe lassen sich hier erledigen. Und so tauchen die Circler nach und nach in eine Parallelwelt ab, in der das Web 2.0 die absolute Kontrolle hat. Der Konzern treibt derweil seine Vision von der totalen Transparenz Schritt für Schritt voran. Dass er die Vitaldaten sämtlicher Mitarbeiter checkt, ihnen nicht nur die Mitgliedschaft, sondern auch die ständige Interaktion im eigenen sozialen Netzwerk auferlegt, hinterfragt keiner mehr.

Im nächsten Schritt proklamieren Politiker für sich die totale Transparenz. Schließlich auch Protagonistin Mae, die Tag und Nacht eine Minikamera um den Hals trägt und ihr Leben mit einer rasant wachsenden Internetcommunity teilt. Mae steigt zum Shining Star des Internets auf,  Eggers verweist aber auch auf die Schattenseiten eines allzu öffentlichen Lebens und lässt seine Protagonistin privat tief fallen: Freunde und Familie wenden sich ab, da persönliche Gespräche mit ihr undenkbar geworden sind. 

Der Konzern sammelt unterdessen unermüdlich Daten, die ihm schon bald  einen ungeheuren Wissensvorsprung und damit Macht gegenüber Politik und Wirtschaft verleihen: Seine Mitarbeiter kennt er längst besser als sie sich selbst, einen großen Teil der Welt inzwischen auch und so kommt, was kommen muss….

Einverleibung der Mitarbeiter – alles nur Quatsch?

Kommen wir zurück ins Hier und Jetzt und machen den Realitätscheck: Dass Konzerne der Zukunft ihre Mitarbeiter dermaßen an die eigenen Örtlichkeiten binden, gehört ins Reich der Fiktion. Denn die Weichen stehen auf Flexibilisierung und Dezentralisierung. Das jedenfalls belegen die aktuellen Ergebnisse der Studienreihe Recruiting Trends der Universitäten Bamberg und Frankfurt. Demzufolge stellt die zunehmende Unabhängigkeit der Arbeit von Ort und Zeit in den kommenden Jahren eine der fünf wichtigsten Herausforderungen für Arbeitgeber dar.

Immerhin 85,9 Prozent der Kandidaten möchten am liebsten bei einem Unternehmen arbeiten, das flexible Arbeitszeitmodelle anbietet. Jeder zweite Befragte würde ein Jobangebot sogar ablehnen, wenn es in diesem Unternehmen die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten nicht gäbe. Doch hier besteht eindeutig Nachholbedarf: Nicht einmal die Hälfte der befragten  1.000 größten deutschen Unternehmen bietet derzeit Homeoffice-Lösungen an. Offensichtlich scheuen viele den damit verbundenen organisatorischen Aufwand.  Drei Viertel der Teilnehmer schätzen das Arbeiten von zuhause sogar als enorme Herausforderung für die Zusammenarbeit im Unternehmen ein.

Räumlich verteiltes Arbeiten

Noch weiter in den Keller gehen die Zahlen, wenn es darum geht, zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten zu arbeiten. Gerade einmal ein Viertel der Unternehmen praktiziert orts- und zeitunabhängiges Arbeiten bereits. Und bei einem  Gros der Studienteilnehmer sorgt diese Arbeitsform für tiefe Runzeln auf der Stirn.  Hier fürchten sechs von zehn Befragten die damit verbundenen organisatorischen Herausforderungen.

Zurück zu Mae, die so etwas wie ein Social Media Consultant der Zukunft ist. Immer online sorgt sie für Einblicke ins Unternehmen, die emotionale Bindung ihrer Follower an die Marke und schürt bei vielen den Wunsch, auch ein Teil des Circles zu werden. Besser könnte Social Media Marketing nicht funktionieren. Hier bildet Autor Dave Eggers durchaus einen Trend  der Zukunft ab. Aber keine Sorge: Ausgeschlossen, dass bald jeder Social Media Redakteur rund um die Uhr mit einer „scharfen“ Kamera um den Hals herumläuft.  Das widerspräche jedem Persönlichkeitsrecht und wäre auch in anderer Hinsicht abwegig. Schließlich wären der Industriespionage damit Türen und Tore geöffnet.  Hier bleibt Fiktion Fiktion. Vorerst zumindest.

Bedeutung von Social Media steigt
 
Ein wahrer Kern lässt sich aber auch hier finden. Fakt ist: Social Media haben sich nicht nur als Personalmarketing-, sondern auch als Rekrutierungskanal etabliert. Laut Recruiting Trends werden schon jetzt drei von zehn offenen Stellen im Web 2.0 ausgeschrieben, woraus immerhin 5,1 Prozent aller Einstellungen resultieren. In den vergangenen drei Jahren hat sich der Anteil der in den sozialen Medien ausgeschriebenen Vakanzen um satte 11,5 Prozentpunkte erhöht. Tendenz also steigend. Punkt für Eggers.

Das Büro der Zukunft

Erinnern Sie sich noch an die lichtdurchfluteten Büros des Circle? Alles spielt sich innerhalb gläserner Wände und Türen in großzügigen Gebäuden ab. Arbeit, Freizeit, Wohnraum verschmelzen.  Auch der Nachwuchswissenschaftler Laszlo Földesi, der derzeit an seiner Bachelor-Thesis arbeitet, geht davon aus, dass Büro das der Zukunft tatsächlich  nichts mehr mit dem zu tun haben wird, was wir von heute kennen. Seine Vorstellungen weichen aber von Eggers Ideen im Buch deutlich ab.

Während der Autor in der Fiktion eher klassische Büros beschreibt - feste Arbeitsplätze an Schreibtischen mit unzähligen Monitoren -, gibt Nachwuchswissenschaftler Földesi seiner Vision der Arbeitsumgebung der Zukunft eine völlig andere Struktur: Eine, die neuronalen Netzen im Gehirn gleicht. „Diese haben die Besonderheit, keiner vorgeschriebenen Regel oder Logik zu folgen“, sagt er. „Sie entwickeln ihre Organisation aus sich heraus aus, ohne sich auf ein spezielles Muster zu beziehen.“

Keine festen Strukturen

In der Praxis erhält ein Team ein Ziel und passt seinen Arbeitsbereich und dessen Abläufe dessen Erfordernissen an: Tischgruppen werden so angeordnet, dass sich Kompetenzen bündeln und sich optimal ergänzen. Auch neue Kollegen, Aufgaben und Arbeitsmaterialien können bei Bedarf flexibel in die Arbeitsstruktur eingebunden werden. Voraussetzung dafür sind Arbeitsplätze, die bis ins kleinste Detail veränder- und anpassbar sind und funktionierende technische  Geräte, die diese Flexibilität ermöglichen. Sodass sich die Gruppe jederzeit neu ausrichten kann.

„Wie in einem neuronalen Netz werden sinnvolle Verknüpfungen geschaffen und weniger sinnvolle aufgelöst. Verflechtungen, die nicht funktioniert haben, werden nicht wiederholt, münden aber in einem Lerneffekt.“ Auch für die Personalführung hat Földesi  eine Lösung. „Für die gesamte Gruppe gibt es keinerlei Restriktionen, weder durch Beobachtung noch durch Kontrolle oder Strafen. Alle Mitglieder haben das gleiche Rede- und Entscheidungsrecht.“ Arbeitsziele werden jedoch von einem leitenden Mitglied des Teams im Auge behalten.
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Fazit: Den Realitätscheck besteht Eggers Roman nur teilweise. In einigen Punkten sind sich Autor und Experten jedoch auch einig. Fest steht, die Arbeitswelt der Zukunft wird in vielerlei Hinsicht eine andere sein als wir sie heute kennen – angefangen mit der Rekrutierung über Mitarbeiterführung bis hin zur Organisation von Arbeitsprozessen. Auf Firmenlenker und Recruiter kommt also viel Arbeit zu. Wer heute nicht die Weichen stellt, hat morgen das Nachsehen. (Artikelbild: Fotolia.com)