Branchentrend Altenpflege
Während in anderen Branchen ein Mangel an Fachkräften die Einkommen steigen lässt, gehorcht die Altenpflege eigenen Gesetzen: Bei einer Vielzahl unbesetzter Stellen ist das Gehaltsniveau niedrig.
Anzahl der Pflegebedürftigen steigt noch lange weiter
Deutschland, Land der Alten. 2,5 Millionen Pflegebedürftige gibt es bereits laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln). Bis in 40 Jahren werde durch den demografischen Wandel die Zahl der Pflegebedürftigen vermutlich auf rund vier Millionen steigen, so die Prognose.
Eine große gesellschaftliche Herausforderung, aber auch eine große arbeitsmarktpolitische Aufgabe. Denn mit der steigenden Zahl an Pflegebedürftigen wird sich auch der Bedarf an qualifizierten Betreuungskräften weiter erhöhen. Und das, wo laut dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), der Interessenvertretung privater Pflegeeinrichtungen, bereits heute auf drei unbesetzte Stellen nur eine Arbeit suchende Altenpflegefachkraft kommt.
Arbeitgeber wenden sich selten an das Arbeitsamt
"Wir haben in der Pflege einen Fachkräftemangel", sagt auch Johanna Knüppel, Referentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK). "Freie Stellen werden schon gar nicht mehr an die Bundesagentur für Arbeit gemeldet, weil die Arbeitgeber eh wenig Hoffnung haben, sie auf diesem Wege besetzen zu können."
Bei Anruf Job
Die wenigen Arbeitslosen, die bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit diesem Zielberuf gemeldet seien, seien häufig nicht vermittelbar, weil sie zum Beispiel gesundheitliche Probleme hätten oder alleinerziehend seien. Im Umkehrschluss heißt das laut Johanna Knüppel: "Wer eine Stelle in der Altenpflege sucht, muss oft keine Bewerbung vorab schicken, ein Anruf genügt. Und eine Einstellung kann dann höchstens noch an erbärmlichen Zeugnisnoten scheitern."
Fachkräftemangel in der Altenpflege
Das IW Köln hat unter Berufung auf die Caritas, einem der wichtigen Träger in der Altenpflege, den Fachkräftemangel noch etwas plastischer werden lassen: Demnach gaben bei einer Befragung unter mehr als 900 Einrichtungen zum Jahreswechsel 2010/11 fast 80 Prozent der Sozialstationen und fast genauso viele Einrichtungen der stationären Altenpflege an, den Fachkräftemangel zu spüren. In der Kurzzeitpflege ist jede zweite Einrichtung betroffen.
Viele Quereinsteiger in der Altenpflege
In der Altenpflege sind viele Quereinsteiger tätig; die Ausbildung ist erst seit dem Jahr 2000 für alle Bundesländer einheitlich geregelt. Derzeit arbeiten laut dem IW Köln 970.000 Beschäftigte in diesem Berufsfeld. Da es viele Teilzeitkräfte gibt, entspricht diese Zahl 680.000 Vollzeitstellen — drei Viertel davon entfallen auf die stationäre Pflege, ein Viertel auf die ambulante.
Das IW Köln schätzt, dass inzwischen gemeinnützige Träger fast 60 Prozent der 781.000 Pflegeheimplätze in Deutschland stellen, private Träger 35 Prozent, der Rest entfällt auf öffentliche Träger, die sich immer mehr aus der Altenpflege zurückziehen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass in den kommenden Jahrzehnten der Anteil der privaten Träger weiter steigen wird.
Öffentliche Träger zahlen meist besser als private
Für die Arbeitnehmer bedeutet das, dass sie zunehmend bei rein privatwirtschaftlich geführten Pflegeeinrichtungen beschäftigt sein werden. "Private zahlen jedoch in der Regel weniger als öffentliche Träger, wo die Einkommen sich nach dem Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes richten", sagt DBfK-Referentin Knüppel. Entweder haben die privaten Arbeitgeber einen Haustarif oder die Einkommen sind reine Verhandlungssache.
Auch die gemeinnützigen Einrichtungen zahlen häufig niedrigere Gehälter als der öffentliche Dienst. Da Altenpflege immer auch Schicht- und Wochenendarbeit bedeutet, sind die Gehälter auch nur für den jeweils konkreten Fall miteinander vergleichbar, zumal noch Zusatzleistungen wie Weihnachts- oder Urlaubsgeld unterschiedlich gehandhabt werden.
Pfleger haben eine gute Basis für Gehaltsverhandlungen
"Angesichts des Fachkräftemangels sollten die Pflegekräfte offensiv verhandeln", rät Knüppel, obwohl sie weiß, "dass dazu viele nicht geboren sind". Es müsse dabei aber ja nicht nur ums Gehalt gehen, sondern könne zum Beispiel auch geldwerte Vorteile betreffen, gibt sie zu bedenken.
Gehaltsaussichten in der Altenpflege
Laut einer detaillierten, wenn auch etwas älteren Analyse, die das Internationale Institut für empirische Sozialökonomie im Auftrag der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in den Jahren 2007/08 durchgeführt hat, verdient die Hälfte der Vollzeitbeschäftigten in der Altenpflege monatlich höchstens 1500 Euro brutto. Bei gut einem Viertel der Vollzeitbeschäftigten liegt das Monatsgehalt zwischen 1500 und 2000 Euro und nur stark ein Fünftel geht mit mehr als 2000 Euro nach Hause.
Ein höheres Einkommen erzielen können Fachkräfte, die sich spezialisieren oder Führungsaufgaben übernehmen. "Beispiele für die Spezialisierung sind die Gerontopsychiatrie oder die Qualitätssicherung", sagt Martin Petzold, Zweiter Bundesvorsitzender des Deutschen Berufsverbands für Altenpflege (DBVA).
Ausbilder verdienen am Besten
"Führungspositionen sind zum Beispiel die Heim-, Pflegedienst- oder Wohnbereichsleitung." Die Dotierung letzterer Stellen richtet sich nach der Zahl der betreuten Bewohner und deren Pflegegrad sowie der Zahl der Mitarbeiter. DBfK-Referentin Knüppel ergänzt, dass es auch in der Lehre, also an Pflegeschulen, besser dotierte Jobs gibt.
(Michael Vogel, November 2011 / Bild: Wißmann Design )
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